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Vom Pauksalon zum vielseitigen Kulturzentrum

Zur Geschichte des Derendinger Sudhausgeländes

von Michael Rousselle

"... einer von den am häufigsten besuchten Vergnügungs-Orten der Inwohner von Tübingen" (1825, Tübinger Oberamtsgericht übers Waldhörnle). Daran hat sich bis heute wenig geändert: vom "vielfältigsten Kulturzentrum am Neckar" schrieben die Reutlinger Nachrichten im November 1997, von "der Tübinger Kultur-Institution" Lift im August 2000.

Als wir im Januar 2000 einen handcolorierten Stich des Sudhausgeländes um die Jahrhundertwende auf dem Cover unseres Sudhausmagazins veröffentlichten, ernteten wir breite Zustimmung von den Anwohnern der Gartenstadt mit dem Tenor: "da war immer was los!" Man erinnerte sich u.a. an die Verbindungsstudenten, die von 1888 bis 1935 ihre Mensuren im Pauksalon des Waldhörnle abhielten, an den mittlerweile verschwundenen lauschigen Biergarten mit seinen japanischen Pagoden der damaligen Bachner`schen Brauerei (siehe Stich von 1898) oder schlichtweg an den Besuch eines Stars wie Inge Meisel nach dem Krieg im Waldhörnle. Den Tag der offenen Türen am 23.9.2000 nahmen wir zum Anlass, etwas in die Geschichte Derendingens und des Sudhauses einzutauchen und Verbindungen herzustellen.Dazu hatten wir in der Peripherie eine Ausstellung zur Geschichte des Sudhausgeländes mit Stichen & Fotos aus unserer Sammlung. In der Ausgabe vom 25.9.hatte das City Info Netz in ihren Bildern der Woche darüber berichtet: "Waldhörnle meets Sudhaus": Prof Dr. Doris Knab und Sudhaus-Redakteur Michael Stuber-Rousselle. Wir hatten uns in der Tat sehr über "den Besuch einer alten Dame" gefreut, der Enkelin des letztes Bierbrauers im Waldhörnle, Oskar Bachner.

"Wie andere Orte auch, deren Name auf -ingen endet, ist Derendingen eine Gründung der Alamannen, die um 260 n. Chr. das rechtsrheinische Gebiet des Römischen Reichs erobert und schließlich zwei, drei Jahrhunderte später besiedelt haben. Fassbar wird diese alamannische Siedlung durch Bodenfunde. Drei Reihengräberfriedhöfe mit reichen Funden belegen, dass Derendingen mindestens seit dem 7. Jahrhundert existiert" (Wilfried Setzler). So können in der archäologischen Abteilung des Sudhauses gelegentlich Restaurationsarbeiten alamannischer Schwerter betrachtet werden.
"Die älteste uns bekannte schriftliche Nennung Derendingens findet sich in den zwischen 1135 und 1138 geschriebenen Chroniken der Zwiefalter Mönche Ortlieb und Berthold. Beide berichten, dass Graf Liutold von Achalm bei der Gründung des Klosters Zwiefalten, die 1089 geschah, diesem die Hälfte des Dorfes Tarodingin, zwei Wälder, zwei Mühlen, die Hälfte der Kirche mit dem Zehnten und 16 Huben (Höfe) geschenkt hat" (Setzler). Am 22. 8. 1263 stellte Papst Urban die Klosterbesitzungen der Mönche in Derendingen unter seinen persönlichen Schutz.

Das Waldhörnle als Wohnplatz ist relativ jungen Ursprungs. "Auf älteren Karten ist in diesem Bereich der Derendinger Markung bis ins ausgehende 18. Jahrhundert nur ein längliches Gebäude, eine Kelter, eingezeichnet. Diese lag direkt unter den Derendinger Weinbergen. Dicht am Hang entlang führte eine der verkehrsreichsten und zugleich besten Straßen Alt-Württembergs: die Schweizer Straße. Um 1760 war sie zur Chaussee ausgebaut worden.
Derendingen jedoch lag abseits der belebten Chaussee, was vor allem die örtliche Gastronomie ins Hintertreffen brachte. Immerhin stellte ein alter Weg zur Kelter und in die Weinberge einen Anschluss an das überörtliche Verkehrsnetz her. An dieser Straßenkreuzung bei der alten Kelter erwarb im Jahre 1800 der Derendinger Ochsenwirt Johann Jakob Röhm einen kleinen Allmendeplatze und erwirkte die Erlaubnis, darauf ein Haus errichten zu dürfen. Seine Absicht, dort für seinen Sohn eine neue Wirtschaft einzurichten, konnte er allerdings zunächst wegen der unruhigen und kriegerischen Zeiten nicht verwirklichen. Erst 5 Jahre später wurde das geplante Vorhaben ausgeführt" (Udo Rauch, Stadtarchiv).

1807 wurde das Waldhörnle als schlichter Fuhrmanns-Gasthof erbaut. "Das Waldhörnle scheint in den ersten Jahren einen Aufschwung genommen zu haben. Nach und nach gelang es dem Waldhornwirt Röhm seinen Grundbesitz an der Hechinger Straße zu vergrößern und baulich zu erweitern. Spätestens seit 1815 betrieb er auch eine eigene Bierbrauerei" (Rauch). Das Waldhörnle wurde zur Post- und Raststation für die Reisenden aber auch zum beliebten Ausflugsziel der Tübinger Studenten. Als der erste Waldhornwirt im Jahre 1819 starb, ging der Besitz in den folgenden Jahren durch verschiedene Hände. 1825 lässt das Tübinger Oberamtsgericht als Konkursverwalter eine ausführliche Verkaufsanzeige im Intelligenz-Blatt setzen. Dort heißt es u.a. "Die Wirtschaft liegt nur eine kleine halbe Stunde von der Stadt Tübingen an der sehr frequenten Schweizerstraße... und war bisher einer von den am häufigsten besuchten Vergnügungs-Orten der Inwohner von Tübingen". In den Tübinger Blätter (1902, Nr. 1/2) findet sich ein ansprechender Steindruck vom Waldhörnle um 1825. Auf einer herrlichen Lithographie um 1840 erkennt man bereits zwei weitere Gebäude des Sudhauses, in denen sich heute Radio Wüste Welle, Konzertsaal und das Takco befinden.

Es war Franz Bachner, der durch sein Bier das Waldhörnle erst richtig berühmt gemacht hat und es ab 1852 zum "größten gastwirtschaftlichen Unternehmen Tübingens im 19. Jahrhundert" ausbaute (M.S. Gönner). Auch andere Wirtschaften warben ausdrücklich mit ihrem Bachner Bier. 1867 bat er um Genehmigung für einen modernen Dampfkessel neben dem Sudhaus, aus dem heute der Kunst-Raum Peripherie geworden ist. Auf einem Stich der Bachner`schen Brauerei AG Waldhörnle von 1898 sieht man den beliebten Biergarten.

Einen weiteren Schub erhielt das Waldhörnle durch die schlagenden Verbindungen, die es zum "Pauklokal" machten. Zwischen 1888 und 1935 hielten die Verbindungen ihre Mensuren regelmäßig auf dem Paukboden im ersten Stock des Waldhörnle ab. Es gab auch einen Fechtplatz im Wald, wo sich duelliert wurde. Obwohl offiziell verboten, scheint nicht nur der Kronprinz von Baden-Württemberg seine schützende Hand über die korporierten Studenten gehalten zu haben. Von 1927 bis 1987 wurden in der Beck'schen Möbelfabrik auf dem heutigen Sudhaus -Gelände hochwertige Möbel hergestellt. Seit 1988 hat der Verein Soziokulturelles Zentrum Sudhaus das Gelände von der Stadt gemietet. Und so schließt sich der Kreis, wo das Sudhaus u. a. wieder ein beliebtes Ausflugslokal ist: "Seit fast 200 Jahren sind das Waldhörnle und das Sudhaus ein beliebtes Ausflugsziel" (Tagblatt). Neben seinem kulturellen Angebot - lokale Künstler und Künstler von Weltrang geben sich mittlerweile die Klinke in die Hand - bietet das Sudhaus-Areal mit seinen dort ansässigen Gewerbe- und Kulturtreibenden eine dreistellige Anzahl an Arbeitsplätzen.

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