Irrlichternde Beamte und fehlende Füße. Ein großer müder Gott, ein kleiner wacher Künstler, Richard der Dritte und Hubert der Letzte. Die geile Geli, kotzende Holzwürmer, zersoachte Straßenecken und Zwergedellatschen. Kürbissrosettenstecher und Fickmeister. Pampelmusenentkerner, Pizzas ohne Artischuck, Schrumpfköpf und Semmebatzlaung. Einarmige Gitarristen und junge wilde Dramatiker. Dies irae und olle sanma a bißal gleich. Aus der Bild und Textfülle von 35 Jahren collagiert Sigi Zimmerschied ein gespenstisches Mosaik, kombiniert Texte quer durch die Jahrzehnte, die miteinander streiten, sich widerlegen, weitertreiben, auflösen. Attacken, Nabelschauen, Hinrichtungen und Larmoyanzen. Ein Zeitgeistertanz um den Irrglauben der Evolution. Eine Hymne an das Vergnügen der Heillosigkeit. Werkschau und Wiedergeburt. Und wem das alles zu kryptisch klingt, dem sei nahe gelegt, was der ansonsten so verschlossene Heimatdichter Thomas Bernhard in einfachen Worten und voll Bewunderung über ihn in der Bäckerblume geschrieben hat: „Was er, der daneben lebt wie ein Scheißhaussepp, ausschwitzt, beschenkt alle Betondeppen und Diddihasis mit der Gnade des Hirnrisses, damit der miese, verfaulte, dreckige Dreck entweichen kann und sie mit allen Schartls in Frieden und Freiheit frohlispeln: Ihobs.“
Pressekritiken:
Alte Nummern, neues Stück: Zimmerschieds "Zeitgeister"
MÜNCHEN - Wenn Künstler für ihr Lebenswerk geehrt werden, dann bedeutet das meistens, dass ihre beste Zeit vorbei ist. Wenn Künstler ein "Best of" aus ihren Werken zusammenstellen - heißt das dann, dass ihnen nichts mehr einfällt? Was also hat es zu bedeuten, wenn Sigi Zimmerschied, das alte Knautschgesicht, sein neues Programm "Zeitgeister" nennt und dort - in der Drehleier - das versammelt, was ihm nach 35 Kabarett-Jahren wiederholenswert erscheint?´ Zimmerschied, der spätestens seit "Ausschwitzn" von 1990 die Ellbogen ausgefahren hat um zu testen, wie weit sich der Begriff Kabarett dehnen lässt, Zimmerschied macht natürlich viel mehr, als nur ein Medley auf die Bühne zu bringen: Er collagiert alte, mittelalte und neuere Texte. Nach fast zwei Stunden, gegen Ende des Programms, spricht er die Erkenntnis aus, die er daraus gewinnt: "Die Welt ist ein Problem." Wenn einer nicht so wütend wäre wie Zimmerschied, dann wäre er vielleicht schon lange verzweifelt an der Sinnlosigkeit des Veränderungswillens, am Scheitern jedes Versuchs, irgendetwas besser zu machen.
Zimmerschied ist nie bei einer Form geblieben, die er nur mit den gerade aktuellen Inhalten gefüllt hätte. Konsequent hat er sich von den Anfängen des Nummernkabaretts weiterentwickelt, bis zu den letzten Programmen, "Ihobs", "Diddihasi", "Scheißhaussepp", die mehr Schauspiel waren als Kabarett. Interessant nun der Ansatz, doch sehr disparate Stücke - das Klassentreffen, den Betondeppen-Rap, den Dialog mit Gott, den "Wir drucken alles"-Sketch bis hin zu aktualisierten und aktuellen Stücken - zu einem Ganzen zu verbinden, das eben nicht nur eine Nummern-Revue ist, sondern ein neues Stück.
Es gelingt. Und mehr noch als das. Das ist kein "Was ich mir in den letzten 35 Jahren gelegentlich so zusammengedacht habe", das Stück hat seine eigene Aussage, und sei es nur: Alles bleibt wie es ist. Dass es ihm nicht auf die Lacher-Rate ankommt, zeigt der Umstand, dass es während der gesamten Vorstellung nur einmal Zwischenapplaus gab, und die Lacher waren keine Schenkelklopfer, sowieso nicht, sondern kleine, bittere Schnackler des Wiedererkennens.
Natürlich dürfen bei einer Zimmerschied-Werkschau auch Ausschnitte aus seinem Film "Schartl" nicht fehlen, sie kommen im zweiten Teil, und das ist vielleicht das einzige Problem bei diesem Programm: Wenn der Zimmerschied auf der Leinwand fertig ist, braucht der Zimmerschied auf der Bühne ein bisschen, um sich seine Präsenz zurückzuerkämpfen. Weil er aber sicher der beste Schauspieler unter den deutschen Kabarettisten ist, schafft er auch das - und rezitiert den Gloucester aus Shakespeares Richard III., leicht verändert: ". . . bin ich gewillt, ein Bösewicht zu bleiben." Das kann man ihm glauben. Stephan Handel
SZ München
Geächtet und geachtet
„Aus der Bild und Textfülle von 35 Jahren collagiert Sigi Zimmerschied ein gespenstisches Mosaik, kombiniert Texte quer durch die Jahrzehnte, die miteinander streiten, sich widerlegen, weitertreiben, auflösen. Attacken, Nabelschauen, Hinrichtungen und Larmoyanzen. Ein Zeitgeistertanz um den Irrglauben der Evolution. Eine Hymne an das Vergnügen der Heillosigkeit. Werkschau und Wiedergeburt.“
So lautet der Ankündigungstext für das neue Programm „Zeigeister“ von Sigi Zimmerschied. Blöd jetzt – weil dem ist in Wahrheit gar nicht mehr viel hinzuzufügen. Der kabarettistische Überzeugungstäter aus Bayern leistet nämlich ganze Arbeit. Ihm gelingt die nahezu nahtlose Verflechtung von knapp zwanzig eindrucksvollen Szenen und Nummern zu einer furiosen, zornigen Retrospektive. Vom strengen Mief hinter jenem Trafokasten, wo sich der Autolackierer Maurer mit
jahrzehntelanger Konsequenz in das Mauerwerk und die Passauer Geschichte eingebrunzt hat, über den Klassiker „Klassentreffen“ und die unvergesslichen „Kritiker als Suppeneinlagen“ bis hin zu Hans-Georg Wimmers grotesken Suche nach den eigenen vier Wänden in Zimmerschieds 15 Jahre altem Kinofilm „Schartl“.
Als 10-Jähriger bekam der kleine Sigi im Zeugnis die Bemerkung verpasst: „Der aufsässige Schüler muss auch in Zukunft ständig überwacht werden.“ Und dieser Einschätzung verunsicherter Autoritäten wird er bis heute gerecht. Zimmerschied ist ein besessener Moralist, der keine Kompromisse eingeht. Sollen sich doch die hirnlosen Comedians mit ihren billigen Witzchen goldene Nasen verdienen. In seinem Konjunkturkoffer hat er nur „Schartl“-DVDs. Und die verkauft er nach der Vorstellung eigenhändig an sein Publikum. Zimmerschied hat sich in all den Jahrzehnten jene Unabhängigkeit bewahrt, die es ihm erlaubt, sich bei seinen Attacken nur an seiner eigenen Werteskala zu orientieren. Zimmerschied darf auf Politiker, Banker und Kleriker, ja sogar auf Künstler und Kollegen eindreschen. Rücksichtslos, wenn ihm danach ist. Weil er Recht hat. Weil nur er bestimmt, was richtig ist. Und dafür wird er geächtet oder geachtet.
Mit seiner verbalen Radikalität bleibt Zimmerschied nie an der Oberfläche. Erst wenn er sich zu den harten Wurzeln des Übels vorgearbeitet hat, fährt er die Krallen richtig aus. Und dann wird schonungslos gemetzelt. Wer sich in diesen ewigen Tiefen bewegt, braucht sich um Aktualität kaum Gedanken zu machen. Leider. An der Basis bleibt fast alles gleich. Natürlich ist „Zeitgeister“ ein zeitloses Programm. Weil Zimmerschieds Texte und Typen nur selten Reaktionen auf vordergründige Auswüchse der üblen Wurzeln waren. Es war nie Zeit für ein Zimmerschied-Programm. Deshalb sind sie immer hoch an der Zeit. Und deshalb sollte man sich Zeit für sie nehmen.
„Und wem das alles zu kryptisch klingt“ – und damit sei abschließend abermals der Ankündigungstext zitiert – „dem sei nahe gelegt, was der ansonsten so verschlossene Heimatdichter Thomas Bernhard in einfachen Worten und voll Bewunderung über ihn in der Bäckerblume geschrieben hat: Was er, der daneben lebt wie ein Scheißhaussepp, ausschwitzt, beschenkt alle Betondeppen und Diddihasis mit der Gnade des Hirnrisses, damit der miese, verfaulte, dreckige Dreck entweichen kann und sie mit allen Schartls in Frieden und Freiheit frohlispeln: Ihobs.“ Peter Blau